Wer hat was zu sagen? Interview mit Sophie WEISSWANGE



Sophie WEISSWANGE (Europäische Kommission, GD Bildung und Kultur)
Nach dem Studienabschluss in Jus und Politikwissenschaften begann sie 1994 bei der Europäischen Kommission.  Im Bereich der beruflichen Bildung arbeitet sie seit 1999, seit 2008 ist sie zuständig für das Gebiet „Qualitätssicherung in der beruflichen Bildung“.


F_1:
 In Wiesbaden auf der ENQA-VET Konferenz sagten Sie: „Qualitätssicherung ist ein wichtiges Thema auf der Europäischen Agenda”. Warum?

Lassen Sie mich zunächst den Hintergrund erläutern. Die berufliche Bildung ist ein wichtiges Element in dem Bestreben der Europäischen Union, die Wettbewerbsfähigkeit und die soziale Eingliederung zu stärken – wie dies in der Lissabon-Strategie dargelegt ist. Qualitätssicherung untermauert jede europäische Initiative im Bereich der beruflichen Bildung, und zwar indem sie dazu beiträgt, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und die Berufsbildungssysteme durch die Verbesserung der Effektivität der Ausbildung zu modernisieren. Die Empfehlung zum Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) beispielsweise legt nahe, dass die Mitgliedstaaten die Prinzipien der Qualitätssicherung in Bildung und Ausbildung vorantreiben und umsetzen sollen, indem sie die berufliche Bildung und Ausbildungsqualifikationen innerhalb der nationalen Qualifikationssysteme in Bezug zum EQR setzen. Der Entwurf über die Empfehlung zum Europäischen Kreditpunktesystem für die berufliche Bildung (ECVET) legt ebenfalls nahe, dass die Mitgliedstaaten die Prinzipien der Qualitätssicherung anwenden sollen, wenn sie ECVET nutzen, vor allem bezüglich der Prüfung, Bewertung und Anerkennung von Lernergebnissen. Das sind lediglich zwei Beispiele, aber natürlich ist Qualitätssicherung in der Berufsbildung noch in anderen Initiativen zu finden.

F_2: Die Empfehlung zum EQARF – dem Europäischen Referenzrahmen für die Qualitätssicherung – soll in einigen Wochen sowohl vom Europäischen Parlament als auch vom Ministerrat angenommen werden. Was bedeutet dieser „gemeinsame Bezugsrahmen“ für die Europäische Bildungspolitik einerseits und für die nationalen Systeme andererseits?

Auf europäischer Ebene handelt es sich um ein wichtiges gemeinsames Instrument für alle Mitgliedstaaten, dessen „technischer Charakter“ nicht die Wichtigkeit dieses Rahmens schmälern sollte. Die Europäische Kommission wird das Follow-Up und die Evaluation über die Implementierung dieser Empfehlung sicherstellen, vor allem indem sie alle vier Jahre einen Bericht für das Europäische Parlament und den Europäischen Rat präsentieren wird, aber sie wird auch an der politischen Entwicklung und Kooperation teilnehmen und diese stimulieren.
Auf nationaler Ebene bietet der Rahmen ein allgemein akzeptiertes Bezugsinstrument, das die Mitgliedstaaten nutzen und entwickeln sollen. Genauer gesagt wird empfohlen, dass jeder  Staat innerhalb von zwei Jahren nach der Annahme der Empfehlung einen Ansatz entwickeln soll, der darauf abzielt, Qualitätssicherungssysteme auf nationaler Ebene zu verbessern und den EQARF bestmöglich zu nutzen, indem die Sozialpartner, die regionalen und lokalen Stellen sowie alle anderen relevanten Stakeholder einbezogen werden. Dieser Ansatz beinhaltet die Einrichtung – wo diese noch nicht existiert – einer Referenzstelle für Qualität in der Berufsbildung sowie die aktive Teilnahme an den Aktivitäten des Europäischen Netzwerks für Qualitätssicherung in der Berufsbildung (ENQA-VET). Österreich ist auf diesem Gebiet schon etwas weiter, da diese Referenzstelle für Qualitätssicherung bereits mit ARQA-VET existiert.

F_3: Das Europäische Netzwerk ENQA-VET startet 2009 in sein fünftes Jahr. Wird die Annahme der EQARF-Empfehlung dessen Rolle oder Aufgaben verändern?

ENQA-VET hat eine große Rolle dabei gespielt, die Empfehlung zu konzipieren – und zwar durch die Einbindung der Vertreter/innen der Mitgliedstaaten in den Prozess und durch die Beobachtung angemessener Forschungsaktivitäten bei der Ausarbeitung dieser Instrumente, besonders was die Indikatorenliste betrifft.
Kooperation und Koordination auf europäischer Ebene sind von höchster Wichtigkeit and werden dies auch weiterhin und sogar noch mehr in diesen Zeiten der Umsetzung der Empfehlung bleiben. Ab 2009, mit Annahme der Empfehlung, wird eine neue Phase eingeleitet, die neue Herausforderungen bereithalten wird. Wie wird diese neue Kooperation aussehen? Die Empfehlung erwähnt ein EQARF-Netzwerk. Sicher ist, dass dieses zukünftige Netzwerk so repräsentativ wie möglich sein soll, d.h. es sollte alle Mitgliedstaaten umfassen. Wichtig ist auch, dass die an diesem Netzwerk teilnehmenden Personen ein fundiertes Mandat ihrer jeweiligen Länder haben, um diese zu repräsentieren, damit das Netzwerk neben einer „technischen“ auch eine politische Dimension erhält.    

F_4: Und schließlich eine Frage, die mit uns zu tun hat: Was wird Ihrer Meinung nach die wichtigste Aufgabe der Nationalen Referenzstellen werden?

Die Nationalen Referenzstellen werden äußerst strategische Elemente in diesem Prozess sein. Die Aufgaben der Referenzstellen sind zahlreich und wichtig. Sie werden eine große Anzahl an Stakeholdern effektiv über die Aktivitäten des EQARF-Netzwerks informieren müssen. Sie werden bestehende relevante Stelle zusammenbringen und die Sozialpartner sowie alle betroffenen Stakeholder auf nationalen und regionalen Ebenen einbinden, um das Follow-Up von Initiativen zu gewährleisten. Sie werden Selbstevaluation als eine komplementäre und effektive Maßnahme der Qualitätssicherung unterstützen. Sie werden aktive Unterstützung zur Implementierung des Arbeitsprogramms des EQARF-Netzwerks leisten und sie werden konkrete Initiativen setzen müssen, um die Weiterentwicklung des EQARF im nationalen Kontext voranzubringen. Somit erscheint das Ergreifen von Initiative nebst Dissemination und Koordination als essentiell. Ich denke zum Beispiel an die Organisation von Seminaren unter Einbindung der unterschiedlichen Stakeholder oder die Entwicklung von funktionalen Anleitungsmaterialien für Berufsbildungsanbieter.

Danke für das Interview!

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