Wer hat was zu sagen? Interview mit Theodor SIEGL


Theodor SIEGL leitet seit 1. September 2003 die Sektion II (Berufsbildendes Schulwesen) im bm:ukk.
Nach Realgymnasium und dem Studium der Betriebswirtschaft und Wirtschaftspädagogik folgte eine mehrjährige Wirtschaftspraxis im Tourismus und in der Wirtschaftsprüfung, und er arbeitete als Lehrer an Berufsschulen und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen; seit 1982 ist er im Unterrichtsministerium in der Sektion Berufsbildendes Schulwesen.

F1_  Herr Sektionschef: Welche Rolle spielt das Thema „Qualität“ im berufsbildenden Schulwesen Österreichs?

Qualität, Qualitätsmanagement (QM) und Qualitätssicherung (QS) sind ganz wichtige Begriffe für die berufsbildenden Schulen geworden. Das Thema beschäftigt uns jetzt schon über Jahre – ich habe das praktisch schon mit der Leitung der Sektion „übernommen“ -, mit und durch QIBB (Qualitätsinitiative Berufsbildung) hat es seit 2004 auch einen starken und sichtbaren Rahmen bekommen. Und zugleich sind wir damit immer noch relativ am Beginn. Aber wir merken im Vergleich mit anderen Ländern in der EU, dass wir nicht nur auf dem richtigen Weg sind, sondern dass wir sogar relativ weit vorne liegen.
Auch die Tatsache, dass wir vor ziemlich genau einem Jahr ARQA-VET eingerichtet haben, unterstreicht doch recht deutlich, dass für uns das Thema Qualität ein zentrales nationales und europäisches Thema ist. Bedenken Sie, dass 80 % der Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren entweder in einer berufsbildenden mittleren oder höheren Schule oder in einem Ausbildungsverhältnis – also im dualen System und damit auch in einer Berufsschule – sind. 4 von 5 jungen Menschen! Im Interesse unseres Schulsystems, vor allem aber im Interesse dieser jungen Menschen müssen wir alles daran setzen, die Anforderungen an eine qualitätsgesicherte Ausbildung hoch anzusetzen und kontinuierlich an der Verbesserung zu arbeiten. Wir befinden uns hier in einem Wettbewerb – national und mehr und mehr international. Und wir sind gerne bereit, uns diesem Wettbewerb selbstbewusst zu stellen.

F2_  Wie beurteilen Sie QIBB als Initiative, deren Entwicklung in Ihrer Sektion 2004 gestartet wurde und die seit dem Schuljahr 2006/2007 nahezu flächendeckend in Österreich umgesetzt wird?

QIBB ist für die gesamte Sektion Berufsbildung, die Schulaufsicht und die Schulen die zentrale Initiative geworden, gleichsam unser Flagschiff. Wir haben viel Energie und viele Frau- und Mannstunden in die Konzeption und den strukturellen Aufbau investiert – jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, an dem wir zurück- und vorausschauen müssen, um die nächsten Schritte richtig zu setzen. Wir haben gleichsam einen Rahmen gesetzt und die Organisation aufgebaut und implementiert. Es gibt unsere Q-Matrix (Q steht für Qualität; Anm. ARQA-VET), die meisten Schulen haben ein Leitbild und machen jährlich ihren Schulbericht, in den Fachabteilungen haben wir flächendeckend LQPMs – die Landesqualitätsprojektmanager bilden hoch motivierte und ausgezeichnet qualifizierte Kerngruppen! – und fast überall SQPMs (Schulqualitätsprojektmanager). Die Instrumente zur Selbstevaluation und für das Berichtswesen sind entwickelt und werden gerade überprüft, um sie nachjustieren zu können, und wir planen eine Ausbildung zum Qualitätsmanager gemeinsam mit einem tertiären Bildungsträger. Wir wissen aber auch, dass wir jetzt das  Hauptaugenmerk auf die qualitative Umsetzung legen müssen – hier gibt es noch sehr viele Verbesserungsmöglichkeiten, und wir haben darum die Frage in den Mittelpunkt gestellt: „Was bringt QIBB der einzelnen Schülerin, dem einzelnen Schüler bzw. „was bringt QIBB der einzelnen Lehrerin, dem einzelnen Lehrer?“

F3_  Kann man QIBB als Erfolgsstory bezeichnen?

Ich würde sagen: ja!
Aber eine gesicherte Antwort werden wir erst in drei bis fünf Jahren geben können. Solange wird es, denke ich, dauern, bis wir nicht nur eine wirklich vollständige Implementierung und Durchdringung erreicht haben, sondern auch eine erste Evaluation durchgeführt und unsere Schlüsse daraus gezogen haben.

F4_  Was bedeutet QIBB für die einzelne Schule, für die LehrerInnen und SchülerInnen?

Wie schon eben kurz gesagt: das wird eine unserer zentralen Fragen sein. Unser Ziel muss es sein, dass für die Institution, für die einzelne Schule, QM keinen  Mehraufwand und keine „Belastung“ bedeuten, sondern eine Hilfe bei dem, was sie ohnehin tut und tun will. Für die Schulen soll es ein Instrument für die Planung und Steuerung werden – für ein professionelles Management! Für die Lehrerinnen und Lehrer soll es einerseits die Möglichkeit bieten, Rückmeldungen zu bekommen – von den SchülerInnen – und Rückmeldung zu geben – an Ihre Schulleitung; andererseits sollen sie einen Raum für die aktive Mitgestaltung ihrer Schule, ihres Arbeitsplatzes bekommen. Und die Schüler und Schülerinnen brauchen von QIBB selbst gar nicht viel mitzubekommen – viel wichtiger ist, dass sie das Gefühl haben, in einer guten Schule eine gute Ausbildung zu erhalten und sich persönlich weiter zu entwickeln, und damit gut gerüstet zu sein für ihre nächsten Schritte nach dem Abschluss.
Um nochmals unser wichtigstes Ziel zu unterstreichen: QIBB muss bei den Schüler/innen „ankommen“!

F5_  Und eine letzte Frage: Wo sehen Sie unser berufsbildendes Schulwesen im Jahr 2018?

Meine Vision lautet hier:
Personell und budgetär autonome Schulstandorte schließen sich zu selbstständigen Berufsbildungszentren zusammen. Flächendeckend wird von diesen Zentren die gesamte Bandbreite arbeitsmarktrelevanter national und international anerkannter hochwertiger Ausbildungen angeboten.

Die SchülerInnen stehen im Mittelpunkt. Die Organisation der Schule und die Lehr-/Lernarrangements sind auf die SchülerInnen zugeschnitten und ermöglichen ihnen ihre persönlichen Potentiale auszuschöpfen und bieten eine gute Grundlage für persönliche und berufliche Weiterentwicklung.
Die LehrerInnen des berufsbildenden Schulwesens genießen ein hohes Sozialprestige aufgrund ihrer sichtbaren (qualitätsgesicherten) Leistungen für die Gesellschaft.
AbsolventInnen des berufsbildenden Schulwesens sind am internationalen Arbeitsmarkt sehr begehrt und ihre erworbenen Kompetenzen werden bei weiteren Bildungsgängen an Fachhochschulen und Universitäten durch kürzere Studienangebote auch zeitlich anerkannt.

Danke für das Interview!

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