Wer hat was zu sagen? Interview mit Eva SCHÖNAUER-JANESCHITZ
Eva SCHÖNAUER-JANESCHITZ (Sektion Berufsbildung im BMUKK; Leiterin der Fachabteilung Humanberufliche Schulen)
Eva Schönauer-Janeschitz leitet seit Februar 2002 die Abteilung II/4 - Humanberufliche Schulen und Höhere land- und forstwirtschaftliche Schulen. Nach der Hauptschule Besuch der HAK, anschließend Studium der Wirtschaftspädagogik an der WU in Wien; ab 1982 Unterrichtstätigkeit an verschiedenen BBS (HAK, LA für wirtschaftliche Berufe, LA für Mode und Bekleidungstechnik); seit 1992 im BMUKK in Abteilung II/4.
F_1: Liebe Frau Schönauer-Janeschitz: DIE humanberuflichen Schulen in Österreich – was umfasst dieser Begriff, von wie vielen Schulen, Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern sprechen wir, und was ist die gemeinsame Klammer dahinter?
Das humanberufliche Schulwesen besteht aus fünf verschiedenen Schularten:
> Lehranstalten für wirtschaftliche Berufe - HLW, FW (110 Schulen)
> Lehranstalten für Tourismus - HLT, HF, TFS (26 Schulen)
> Lehranstalten für Mode - HLM, FM (17 Schulen)
> Lehranstalten für künstlerische Gestaltung - HLK (3 Schulen)
> Schulen für Sozialberufe - FSB, SOB (39 Schulen)
mit insgesamt ca. 58.000 Schülerinnen und Schülern, ca. 7.000 Lehrerinnen und Lehrern. Die Schulen verteilen sich auf rund 150 Standorte (mit jeweils einer Schulleitung).
Mit Ausnahme der sozialberuflichen Schulen (dreijährige Fachschulen für Sozialberufe und Schulen für Sozialbetreuungsberufe mit Fach- und Diplomniveau) gibt es in den genannten Bereichen jeweils höhere Lehranstalten (5jährig, Abschluss mit Reife- u. Diplomprüfung), Fachschulen (dreijährig, Abschlussprüfung; bei den wirtschaftlichen Berufen auch ein- und zweijährige Fachschulen) sowie die Sonderformen der höheren Lehranstalt (dreijähriger Aufbaulehrgang, viersemestriges Kolleg).
Die gemeinsame Klammer besteht einerseits in der langjährigen Tradition, in einer pädagogischen Abteilung angesiedelt zu sein und damit in eine gemeinsame „Unternehmenskultur“ und in eine Gesamtschau über die verschiedenen Schularten eingebettet zu sein. Inhaltlich haben alle Schularten die starke Ausrichtung der Berufsfelder auf den Kontakt mit Menschen. Sei es im Tourismus bzw. in den wirtschaftlichen Berufen v.a. hinsichtlich der Gästebetreuung oder in den Sozialschulen im Hinblick auf den Umgang mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Aber auch im Bereich der Mode und der künstlerischen Gestaltung stellt der Kontakt mit Kund/innen, Auftraggeber/innen, usw. ein wesentliches Bildungsziel dar.
Die Höheren land- und forstwirtschaftlichen Schulen umfassen die Fachrichtungen Landwirtschaft, Land- und Ernährungswirtschaft, Forstwirtschaft, Wein- und Obstbau, Garten- und Landschaftsgestaltung, Gartenbau, Landtechnik, Lebensmittel- und Biotechnologie.
An 13 Standorten werden ca. 3.700 Schülerinnen und Schüler unterrichtet.
F_2: Auf Hum.at, dem Internetportal der humanberuflichen Schulen Österreichs www.hum.at, steht in der Übersicht links „Qualität“ ganz oben. Wohl kein Zufall?
Das ist sicher kein Zufall, sondern Ausdruck der zentralen Stellung von Qualitätssicherung und -entwicklung in allen Bereichen des humanberuflichen Bildungsbereiches. Dies beginnt bereits beim qualitätsvollen, wertschätzenden Umgang miteinander und einer möglichst transparenten Kommunikationskultur. Letztendlich steht aber hinter bzw. über allem die eigentliche Kernaufgabe, nämlich das Lehren und Lernen, und damit die Schülerinnen und Schüler der humanberuflichen Schulen. Zentrales Ziel aller Maßnahmen, Entscheidungen und Handlungen muss die bestmögliche Förderung und Forderung der jungen Menschen an unseren Schulen sein.
F_3: Q-hum und QIBB!? Ist das eine ein Ableger vom anderen? Welche Rolle spielt QIBB aus Ihrer Sicht generell im Schulalltag, und was ist das Besondere, der USP (unique selling point), der humanberuflichen Schulen unter den berufsbildenden Schulen in Österreich?
Die erste Frage ist nicht leicht zu beantworten, da sich beides - QIBB und Q-hum - parallel entwickelt haben und somit auch gegenseitig beeinflussen. QIBB hat mittlerweile durchaus in den schulischen Alltag Einzug gefunden, es ist sehr viel bei der Bearbeitung der Qualitätsschwerpunkte Leistungsbeurteilung und Individualisierung erarbeitet und umgesetzt worden. Dennoch wird es sicher noch einiger unterstützender Maßnahmen und wohl auch noch einiger Zeit bedürfen, damit die „Idee“ von QIBB wirklich allen betroffenen Personen (Lehrerinnen und Lehrern, Schulleitungen, usw.) vermittelt werden kann. Letztendlich gibt QIBB bzw. Q-hum eine Struktur für eine systematische, eigenverantwortliche Qualitätsentwicklung auf allen Ebenen vor. Es geht also keineswegs um das „Abarbeiten“ von Vorgaben „von oben“ sondern vielmehr darum, im eigenen Wirkungsbereich gemeinsame Ziele zu vereinbaren, entsprechende Maßnahmen zu setzen und die Auswirkungen dieser Maßnahmen zu evaluieren und diese Ergebnisse in die weitere Vorgangsweise einzubeziehen. Dies betrifft alle Ebenen (Schule, Bundesland, Ministerium) und Personen (Lehrkräfte, Schulleitungen, Schulaufsicht, Ministerialbeamte/innen) des humanberuflichen Bereiches.
Das Besondere der humanberuflichen Schulen liegt sicher in der langjährigen Kultur einer größtenteils offenen, wertschätzenden Grundhaltung, einer guten Mischung aus „top down-“ und „bottom up-“ Entwicklungen und in der Vielfalt der verschiedenen Schularten, die sich gegenseitig befruchten. Humanberufliche Schulen haben sich immer als BILDUNGS- und AUSBILDUNGSstätten und als LEBENSRAUM gesehen, dadurch ist es uns offenbar bisher gelungen, die Kernaufgabe von Schule, nämlich die Entwicklung von CITIZENSHIP und EMPLOYABILITY bei unseren Schülerinnen und Schülern, bestmöglich zu erfüllen.
F_4: Werfen wir einen kurzen Blick nach Europa: Gibt es in der EU Vergleichbares zu Ihrem Zuständigkeitsbereich im Bereich der Sekundarstufe II? Spielen Internationales und die EU generell und europäische Entwicklungen im Qualitätsbereich im Speziellen eine Rolle im humanberuflichen Schulwesen? Können Sie sich vorstellen, wo und wie Sie von uns als Referenzstelle Unterstützung oder Hilfe anfordern?
Innerhalb der EU stellt sich der Berufsbildungsbereich sehr unterschiedlich dar. Die Bereiche Tourismus, Wirtschaft, Mode, Soziales und Land- und Forstwirtschaft stellen aber in den meisten EU-Ländern wesentliche Teile des Berufsbildungsspektrums dar. Es ist daher für die Qualitätsentwicklung und -sicherung wichtig, die europäischen Entwicklungen zu kennen und auch aus Beispielen guter Praxis Ideen für das humanberufliche Schulwesen zu übernehmen. Gerade im berufsbildenden Bereich sind internationale Kontakte und Erfahrungen für die berufliche - aber auch für die persönliche - Entwicklung des/der einzelnen von großer Bedeutung. Ein weiteres wichtiges Thema (wenn nicht DAS Wichtigste) ist jenes der gegenseitigen Anerkennung von Bildungsabschlüssen, beispielsweise die Entwicklung des EQF.
Es wäre hier sicher sehr hilfreich, Informationen über die aktuellen Entwicklungen und Diskussionen, aber auch Unterstützung beim Knüpfen von Kontakten durch die Referenzstelle zu erhalten.
F_5: Eine abschließende Frage: Was würden Sie als wichtigen oder gar zentralen Indikator für den Erfolg von Q-hum/ QIBB bezeichnen?
Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ich muss hier zunächst nochmals auf die zentralen Ziele von Q-hum - unmittelbarer Nutzen für die Schülerinnen und Schüler und Eigenverantwortlichkeit für die Qualitätsarbeit auf allen Ebenen - zurückgehen. Darin ist eine derart große Fülle von Qualitätszielen enthalten, dass es dafür keinen einzelnen Indikator geben kann. In Teilbereichen bieten die Evaluationsinstrumente von QIBB gute Grundlagen für das Weiterführen des Qualitätskreislaufes.
Sehr pauschal ausgedrückt ist wesentlicher Indikator für den Erfolg von Q-hum die Feststellung, ob die gesetzten Maßnahmen die Schülerinnen und Schüler überhaupt erreichen. Zweiter wichtiger Ausdruck der erfolgreichen Umsetzung wird sein, inwieweit Q-hum zum „Selbstläufer“ wird, d.h. zu einem untrennbaren Bestandteil von guter Schule.
Danke für das Interview!
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